
Die Kunst
der Rede
Die motivierende Rede
Eine gute Rede muss eine motivierende Rede sein.
Das ist sie dann, wenn es ihr gelingt, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen dem Pathos des Auditoriums, dem Ethos des Redners und dem Logos des besten Arguments für die verhandelte Sache.
Das beste Lehrbuch über die Kunst der Rede ist immer noch und unangefochten bis heute die "Rhetorik" des Aristoteles, der wie kein anderer vor ihm und nach ihm dieses Gleichgewicht in den drei klassischen Redeformen beschrieben hat: der Lobrede, der Verteidigungsrede und der politischen Rede.
In meinem aktuellen Artikel über "Die motivierende Rede" habe ich versucht, dieses brillante Konzept mit meiner Praxis als Redenschreiber (600 geschriebene Reden) und Redner (gehaltene 60 Reden) zu verbinden und daraus einen Leitfaden für heutige Rhetoriker aufzubereiten.
Er ist fertiggestellt, befindet sich im Prozess der Veröffentlichung und wird bis zum Jahresende erscheinen. Hier eine kleine Ankündigung mit Inhaltsverzeichnis und Ausblick!



Die motivierende Rede:
Das rhetorische Gleichgewicht aus Pathos, Ethos und Logos
In diesem Beitrag erfahren Sie:
- Wie man im Zeitalter der großen Transformation, in dem wir von Informationen und Fake News geflutet werden, mit einer Kunst des Überblicks den Rede-Inhalt so ordnet, dass er sich gegen falsche Re-Kontextualisierung immunisiert.
- Wie eine gute Rede mit fünf Grundregeln zwischen dem Thema, dem Redner und den Zuhörern ein Gleichgewicht herstellen muss, um Wohlwollen, Überzeugung und Glaubwürdigkeit zu erzeugen.
- Wie das bis heute unübertroffene Standardwerk, die „Rhetorik“ des Aristoteles, bei Reden hilft - exemplifiziert an zehn aktuellen Rede-Beispielen und sechs platonischen.
- Welche Arten der Rede es gibt, auf welche Gegenstände die Verteidigungs-, Beratungs- und Lobrede situationsbezogen abzielt: in der Geburtstags-, Hochzeits- oder Trauerrede, in der Grundlagen-, Reform- und visionären Rede oder in Reden bei Preisverleihungen und Dienstjubiläen.
- Wie man mithilfe einer Affektenlehre und einer Psychologie der Lebensalter und Gesellschaftsklassen das Wohlwollen der Zuhörer trifft (PATHOS).
- Wie man mithilfe einer Lehre der Charakterstärken (Tugenden) und einer Theorie des Glücks Glaubwürdigkeit schafft (ETHOS).
- Wie man mit methodischen Suchregeln (Topoi), wohlerwogenen Schlussfolgerungen (Enthymemen) und guten Beispielen Überzeugung bei den Zuhörern herstellt (LOGOS).
- Wie man mit Reden den Commonsense - die Zusammenstimmung der Überzeugungselemente - trifft, indem man in eine Wertegemeinschaft einlädt.
Inhalt
- Rhetorik im Zeitalter digitaler und nachhaltiger Transformation
- Content, Kontext und die Einplanung von Ordnungs-Zeit
- Die Kunst des Überblicks und die Kompetenzen der Redner
- Beispiel 1: Die visionäre Rede - Welche Reformen braucht das Land?
- Das Spannungs-Dreieck Pathos - Ethos - Logos
- Das unübertroffene Standardwerk: Die „Rhetorik“ des Aristoteles
- Die fünf Grundregeln für eine gute Rede
- Beispiel 2: Kernbotschaft voranstellen! Embrace this Shit!
- Die Arten der Rede und die Rhetorik der gesteuerten Emotionen
- Die Arten der Rede: Beratungsrede, Lobrede, Verteidigungs- oder Anklage-Rede
- Kontext: Über die Seele, das Glück und die „Natur des Ganzen“
- Beispiel 3: Reden über die Liebe - Ein Symposion über einen göttlichen Wahnsinn
- Beispiel 4: Die Hochzeitsrede - Über die kleinen Dinge, die ganz Großes schaffen
- Reden im Gleichgewicht von Pathos, Ethos und Logos - und ihre Integration in Events
- PATHOS: Die Gefühlslage der Zielgruppe mithilfe einer Lehre der Affekte und einer Psychologie der Lebensalter treffen
- Beispiel 5: Die Trauerrede - Wie wir Sterblichen weiterleben: in den Erinnerungen und vererbten Impulsen
- ETHOS: Die ganze Persönlichkeit in der Rede würdigend loben - orientiert an der Lehre der Charakterstärken und der Konzeption eines an der sozialen Mitte orientierten Glücks
- Beispiel 6. Die Lobrede - Preisverleihung im Wandel eines Berufsethos
- LOGOS: Methodische Suchregeln, wohlerwogene Schlussfolgerungen und gute Beispiele
- Beispiel 7: Die Trendrede als richtige Schlussfolgerung - Warum Unternehmen Medienhäuser werden müssen
- Die motivierende Rede als Einladung in eine Wertegemeinschaft
- Das richtige Gleichgewicht
- Beispiel 8: Drei Reden über Gesundheitswirtschaft und Generationengerechtigkeit
- Literaturverzeichnis
Leseprobe:
Rhetorik im Zeitalter digitaler und nachhaltiger Transformation
Aktuelle Herausforderungen
Heutige Redeprofis und ihre Zuhörer erleben eine große Unübersichtlichkeit ihrer Welt. Sie kommt aus der Menge der täglichen Informationsüberflutungen, aus der erheblichen Ausweitung der Informationskanäle und dem Zwang, möglichst gleichzeitig in allen Kanälen angemessen zu reagieren. Daher müssen sie drei entscheidende Herausforderungen meistern:
- Sie müssen Themeninhalte hegen und pflegen. Denn „Content is King“.
Inhalte sind die Goldwährung ihrer Kommunikation: Sowohl im Erfassungs- als auch im Produktionsprozess. Scannen, filtern, einordnen, positionieren, antworten - und möglichst in Echtzeit, aber auch fortschreibend Routine bildend in Wiederholungen, nachhaltigen Periodika, ist der eine Teil einer guten Performance. - Sie müssen das Themenumfeld sichern! Denn„Context is God“.
Jede noch so gut gebaute Nachricht oder Themenbotschaft für die Welterklärung läuft im TV mit 15 Sekunden oder in den Silos andersdenkender Gleichgesinnter der nicht selten unsozialen Medien ins Risiko, dekontextualisiert und rekontexualisiert zu werden. Sie kann immer in einen ganz anderen Kontext eingebaut werden, der das Ergebnis in ein völlig anderes Licht rückt und sie zum Futter für die beliebten pseudo-moralischen Empörungsschleifen machen kann. Gegen dieses Risiko vorzusorgen und dafür eine angemessene Reaktionszeit zu bewahren ist der zweite Erfolgsfaktor. - Sie müssen sich Zeit nehmen: ihr Grundlagen-und Überblicks-Wissen zu aktivieren und weiter zu entwickeln.
Der permanente Zweifel an allen Medieninhalte
Inspiriert durch die „Sonntagsgedanken: Ist das überhaupt noch real?“ von Anders Indset teile ich erst einmal seine Analyse, dass wir angesichts der Überflutung mit Informationen durch inszenierte Fakes wieder in einem permanenten Zweifel über jedes Bild, jeden Text, jede Nachricht angelangt sind (https://www.linkedin.com/pulse/ist-das-%C3%BCberhaupt-noch-real-anders-indset-iv57f). Indset glaubt, dass dieser Zweifel uns „epidemisch erschöpft“, Wissen seine epidemische Schwerkraft als Orientierung verliert und uns einen ungeheuren Aufwand an Authentifizierungsarbeit aufzwingt, der uns weiter in die Erschöpfung treibt: Wenn jedes Bild Einordnung, jede Meinung Kontext, jede Nachricht Skepsis verlange, dann überfordere das uns Menschen.
Resilienz selbst erarbeiten
Deshalb empfiehlt Anders Abschalten bzw. Rückzug - vor allem aus den sozialen Medien. Das wäre dann eine rationale Entscheidung, die zur Entlastung von künstlich produzierter Überfülle befreie. Und im Gegenzug setzt er seine Hoffnung auf verantwortliche und transparente „Kuratoren der Wirklichkeit“ in Qualitätsmedien, denen wir unser Vertrauen schenken. Solche Kuratoren unseres Vertrauens sollten wir uns in Qualitätsmedien tatsächlich suchen und pflegen - und tun das ja auch. Aber das reicht nicht aus. Wir müssen unsere Resilienz schon selbst erarbeiten!
Ärger in Neugier umwandeln
Ich erlebe diesen Overkill anders: Der permanente Zweifel führt uns ja nur dann in die Erschöpfung, wenn man glaubt, ihn auf jedes Bild, jede Meinung und jede Nachricht anwenden zu müssen. Das muss man aber keineswegs. Jedenfalls dann nicht, wenn man über ausreichend Grundlagenwissen verfügt, das Einordnung ermöglicht. Deshalb stelle ich bei meiner Konfrontation mit Überfülle den Relevanz-Check voran, also ob mich das überhaupt interessieren muss. Vieles scheidet dann schon aus. Wenn aber ja, gebe ich dann meinem Verdruss über verzerrende Inszenierungen Raum. Diese negative Energie versuche ich positiv in Neugier umzuwandeln: auf die Grundlagen und den Überblick. Wenn man es genau wissen will, muss man sich seiner Grundlagen versichern, immer wieder aufs Neue. Und genau daran fehlt es uns häufig, nicht weil wir zu doof sind, sondern weil wir uns an der falschen Stelle entlasten: Weil wir erfolgreiche Lösungen als gesicherte und erreichte Selbstverständlichkeiten nehmen, die wir allmählich ins Vergessen abgleiten lassen - und es uns in der Illusion bequem machen, wir müssten dafür nichts mehr tun. Das Gegenteil ist der Fall: Alle Errungenschaften müssen erinnert und gepflegt werden!
Geschichten des Gelingens
Die gute Nachricht ist, man kann diese vermeintlich sich automatisch fortschreibenden Selbstverständlichkeiten wiedererinneren und reaktivieren. Aber man muss sich dafür Zeit nehmen: Zeit sich zu erinnern, Zeit sie einzuordnen, Zeit den Überblick herzustellen, kurz: Ordnungs-Zeit.
Wenn wir z. B. immer wieder hören, dass unser Staat unsozial sei, dann sollten wir uns mal wieder daran erinnern, wie viele und wie gute soziale Absicherungen wir durch unsere Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft in den letzten 80 Jahren erreicht haben. Und dann könnten wir uns fragen, ob unsere Leistungskraft in gleicher Weise gewachsen ist wie unsere Umverteilungsansprüche und -transfers.
Wenn wir z. B. über Deutschlands Reformfeindlichkeit jammern, dann könnten wir uns daran erinnern, dass wir 2003 „der kranke Mann Europas“ waren. Dass wir uns mit der Arbeitsmarkt- und Rentenreform, der Steuersenkung und Föderalismusreform aus dem schwierigen Krisen-Gewässer in Richtung Erfolgsstraße zurückgedreht haben: Warum sollte es uns in den nächsten Jahren bei einem Richtungswechsel aus der „Schuldenwende“ in eine erneute notwendige Reformwende und bei entsprechender Anstrengung nicht wieder gelingen (Vgl. Lars Feld:“ Diese Schuldenberge erdrücken uns“, Interview in Badische Zeitung, 22.1.2026)? Aber es müsste schon ein ähnlicher Kraftakt wie damals werden.
Natürlich findet unser kreativstes Erkenntnisvermögen, die Erinnerung, keine perfekten ewigen Paradiese, wohl aber reale Geschichten des Gelingens. Sie erinnern uns an unsere Kompetenzen, an die wir wieder zuversichtlich anknüpfen können. Deshalb müssen eine gute Rede und gute Kommunikation überhaupt systemisch sein: also den Überblick auf das Ganze suchen - und die Geduld mitbringen, nicht jeden Rückschritt gleich als katastrophales Scheitern auszulegen.
Die drei Zeitdimensionen und ihre Redeformen - im Überblick
Vergangenheit in Ordnung bringen: Verteidigungsrede*
Wer seine Vergangenheit in Ordnung bringen will, muss ein Grundverständnis über das Gerechte haben und über Recht und Unrecht kompetent reden können.
Dazu braucht er eine Vorstellung von den menschlichen Affekten, wie sie als Motive und Gemütsverfassungen Verhalten prägen. Nur so kann er wissen, welchen Affekt er mit seiner Verteidigungsrede - die auch eine Angrifssrede sein kann - erzeugen will.
Und er benötig eine Sensibilität, Absichten von Missverständnissen klar zu unterscheiden.
Motivation:
Nur dann kann er die Emotionalisierung in Konfliktsituationen ins Positive drehen.
*Aristoteles handelt hierzu die Gerichtsrede ab. Aber seine Erkenntnisse daraus lassen sich auf jede Form von Rechtfertigung übertragen.
Zukunft gestalten: Politische Rede!
Wer als soziales Wesen seine Zukunft in Gemeinschaften aktiv selbst und mitgestalten will, muss ein Grundverständnis über das GUTE und das GLÜCK haben und über das Nützliche oder Schädliche, das Angenehme und das Unangenehmene mit Gründen reden können.
Dazu braucht er Wissen über Grundlagen der Politik und der Wirtschaft, sollte die aktuellen Trends kennen und Erfahrung darin haben, wie Wertgemeinschaften funktionieren.
Motivation:
Nur dann kann er zu- oder abraten oder aufrufen und appellieren
Gegenwart genießen:
Lobrede
Wer seine Gegenwart genießen will, sollte das SCHÖNE kennen und im Leben der Menschen auffinden können.
Um es in den zentralen Lebensanlässen feiern zu können: bei Geburtstagen, Hochzeiten, Jubiläen, Tod oder bei Wettbewerben und ihren Preisverleihungen, Siegerehrungen und Würdigungen von Teamleistungen
Dazu braucht man ein vertieftes Wissen über den Zusammenhang zwischen Glück und Charakter, Schicksal und Haltung sowie über Wege zum Gleichgewicht.
Motivation:
Tadeln kann jeder. Angemessen Loben ist eine Kunst
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Dr. Ulrich Kirsch,
Redenschreiber, Publizist, Kommunikationsberater
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