
Das richtige Leben im falschen:
Max Planck
„Planck oder als das Licht seine Leichtigkeit verlor.“
Roman von Steffen Schroeder. Rowohlt, Berlin 2022
Väter und Söhne - und das richtige Leben im falschen.
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, dekretierte der Meisterdenker der 1. Generation der Frankfurter Schule - Theodor W. Adorno - in seinen 1944-47 im Exil geschriebenen „Minima Moralia“ die Unmöglichkeit, in den falschen Verhältnissen des Kapitalismus ein privat anständiges und glückliches Leben zu führen. Vielmehr müsse man zuerst die ungerechten Verhältnisse ändern. Leichter gesagt als getan und meistens möglich! Und was bleibt dann als Handlungsspielraum möglich?
Doch: Es gibt ein richtiges Leben im falschen! Wenn man herabsteigt aus der Hybris einer vermeintlich höheren Moral, die sich einrichtet im „Grandhotel Verzweiflung“, wie Georg Lukács über die Frankfurter Schule spöttelt, und stattdessen in den „kleinen Dingen des Alltags“ gegen das Falsche in den großen Dingen revoltiert. Das habe ich immer wieder von meiner Frau gelernt, die ich - auch dafür - sehr liebe. Auch von Albert Camus, der mir neben Platon die Liebe zur Philosophie eingepflanzt hat. Und 2024 von Steffen Schroeders wunderbarem Roman über einen am Ende vergeblichen - aussichtslosen? - Rettungsversuch eines liebenden Vaters, Max Planck, der seinen Sohn Edwin 1944 vor der Hinrichtung wegen dessen Beziehungen zum Widerstand des 20. Juli retten möchte. Aber Aussichtslosigkeit ist nur eine Kategorie der Spätergeborenen, die den Ausgang der Geschichte kennen, nicht für diejenigen, die, als die Dinge geschahen, noch in der Leidenschaft der Hoffnung lebten. Dankbar bin ich meiner Schwester, dass sie mich zu Schroeders Lesung im Gymnasium Kirchzarten eingeladen hat.
Diese Vater-Sohn-Geschichte um Max Planck hat etwas ebenso Exemplarisches wie Besonderes zu erzählen über die deutsche Wissenschaft und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus: in einem Spektrum über Widerstand, Anpassung und Begeisterung - sozusagen von Walter Eucken bis Heidegger (vgl. "Gleichgewicht finden in Umbruchzeiten", 5. Dialog). Planck war im Dritten Reich schon der berühmte Erfinder der Quantenphysik, Nobelpreisträger 1918, Mitgründer der „Notgemeinschaft der Deutschen Forschungsgemeinschaft", aus der später die Deutsche Forschungsgemeinschaft erwuchs, und Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, aus der später die Max-Planck-Gesellschaft entstand. Also ein herausragender Wissenschaftler und der hoch anerkannte Vertreter der öffentlich organisierten Wissenschaft. Kein Wunder, dass die Nazis ihn mit hohem Druck versuchten, zu einem zustimmenden Bekenntnis zu erpressen - und auch dafür seinen Sohn als Geisel nahmen.
Die kleinen Revolten
Eine Schlüsselszene des Romans kommt dem Antwortbrief Plancks an das Regime zur Aufforderung zu, er möge sich als Präsident der deutschen Wissenschaftler klar zu Hitler bekennen: Er schreibt, er könne der Aufforderung keine Folge leisten, weil die Sorge um seinen Sohn Edwin, der als Teilnehmer an der Widerstandsgruppe 20. Juni nach dem gescheiterten Hitler-Attentat auf sein voraussichtliches Todesurteil ihm die Kraft dazu raube. Das ist Mut als Gratwanderung in der aristotelischen Mitte zwischen Mutlosigkeit und Hochmut: Max Planck ist es damit gelungen, sich nicht korrumpieren zu lassen.
Ohne mit dieser echten Zivilcourage sich die Chance zu verbauen, alles Menschenmögliche in Bewegung zu setzen und um Edwins Begnadigung zu bitten, was dann später bei Himmler zunächst als Aufschub gelingt, aber von Hitler nach dem Stauffenberg-Attentat zuletzt durchkreuzt wird und mit der Hinrichtung Edwins endet.
Besonders anziehend und berührend sind die kleinen Szenen im Roman: Die Beschreibung eines unglaublich zarten Moments der Liebe bei dem zum Tode verurteilten Edwin, der seinen Lieblingshonig zum 21. Hochzeitstag von seiner Frau Nelly als Geschenk ins Gefängnis bekommt und in dem frisch gewaschenen Pyjama den Geruch seiner Frau erspürt - und einen kostbaren Moment von Glück. Oder der ebenso erinnernde wie prophetische Traum von Max über eine alpine Wanderung mit Edwin, den er dabei im Unwetter verliert - und das tiefe Gefühl von Unglück, das ihn ja früher schon so oft getroffen hatte: beim Tod seiner ersten Frau 1909, beim Verlust seines ersten Sohns 1917 in Verdun, und - kaum mehr steigerbar! - beim Doppeltod seiner Zwillingstöchter jeweils bei der Geburt ihrer ersten Kindern 1919.
Es geht über Max und Edwin hinaus um die Geschichten von berühmten Vätern und ihren gelingenden und misslingenden Beziehungen zu ihren Söhnen. Die primäre Kontrastfolie bildet Albert Einstein und sein Sohn Eduard aus erster Ehe, der im Züricher Burghölzli als psychiatrischer Patient einsitzt und um den sich der emigrierte Erfinder der Relativitätstheorie noch nie gekümmert hat und auch in der prekären Situation nicht, als der Verzweifelte ausbrechen will.
Aus dem Rückblick der Nachkriegszeit zeichnet sich kontrastierend mit Einstein auch schon die Anbahnung des „Kalten Krieges“ durch die späteren Großmächte USA und Sowjetunion ab mit dem kriegsentscheidenden Atombombenprojekt (Hiroshima) der Amerikaner in Los Alamos, an dem emigrierte deutsche Wissenschaftler maßgeblich beteiligt waren.
Die kleine Revolte der persönlichen Erinnerung?
Dieser Roman ist ein wunderbar erzähltes Buch und eine gute Vorlage für eine reflektierte deutsche Erinnerungskultur. In der sich jeder Einzelne ehrlich fragen kann: Wäre es mir gelungen anständig zu bleiben und zugleich zu überleben? Oder hätte ich mich faszinieren lassen vom NS-Narrativ der neuen Größe Deutschlands? Und wenn ja, wie lange - bis zur Pogromnacht am 9. November 1938, bis zum Kriegsausbruch 1939, bis zu nahenden Zusammenbruch 1944? Oder gar darüber hinaus? Hätte ich die systematisch verbrecherische Menschenverachtung bemerkt, bemerken wollen, um im Geheimen Juden zu helfen Wie hätte ich mich selbst, mein berufliches Fortkommen, und meine Familie zu schützen versucht - währenddessen oder danach?
Als Sohn eines Vaters, der sich als 14-Jähriger nach dem Soldatentod seines ältesten Bruders Heinrich unerlaubt von der Westschanze entfernte, um seiner Mutter beizustehen, und der, nachdem er als Soldat den Bombenangriff auf Dresden überlebte, in Kriegsgefangenschaft in Heidelberg geriet, daraus floh und nach Hause zu seiner Familie zurückkehrte: als 17-Jähriger, ausgemergelt, verdreckt, aber voller Lebenswillen? Ich kenne mich selbst nicht gut genug um zu wissen, wie ich mich in dieser Zeit durchgeschlagen hätte. Wahrscheinlich lernt man sich selbst auch erst richtig in der Gefahr kennen, der ich niemals ausgesetzt war. Diese Ungewissheit macht mich zurückhaltend bei Urteilen über Personen aus dieser Zeit.
An meinem Vater, einem disziplinierten Überlebenskünstler, totalen Familienmenschen, leidenschaftlichen Kämpfer für die richtigen Sachen, zugleich Bahngewerkschafter und radikalem Verfechter des Leistungsprinzips, begnadetem Gärtner, der wachsen lassen konnte und zurückzuschneiden wusste, bewundere ich seinen frühen Mut zu eigenen Entscheidungen, seine Eigenwilligkeit, den unbedingten Willen, sein Leben frei verantwortlich zu führen und seine Kinder optimal zu fördern. Traurig bin ich, dass man ihm und seiner Generation die Jugend „ geklaut“ hat. Wirklich froh bin ich, dass er 91 Jahre lang doch vielfach selbstbestimmt und bis auf die allerletzten Monate sein eigenes Leben führen konnte. Und froh für mich und meine Familie bin ich, dass ich in einem demokratischen Land mit sozialer Marktwirtschaft aufwachsen durfte und leben kann, das schon während der Nazizeit von wegweisenden Denkern wie z. B. Walter Eucken geistig vorbereitet wurde. Weiß aber, dass das alles andere als selbstverständlich ist. Dass wir uns das mit ganzer Kraft erhalten müssen.
Muss ich noch sagen, dass ich Ihnen dieses Buch sehr empfehle?
November 2025


